Montag, 20. März 2017

Handy und Kirche?

Ich gestehe:
Ich habe mich letztens selbst verschämt zum ersten Mal getraut mein Smartphone in der Kirche zu benutzen. Ganz heimlich. Noch ein paar Tage zuvor hat jemand einfach in der Kirche telefoniert – aber das war für alle in Ordnung, es war spät in der Messe und es ging darum einen Krankenwagen zu rufen. Gott sei Dank mussten die Rettungssanitäter nichts anderes tun als nur den Blutdruck zu messen.


Zurück zu meinem Geständnis: Vielleicht geht es Ihnen als gelegentlichem oder häufigen Gottesdienstteilnehmer auch so, dass sie mitsingen, mitbeten, sich setzen und auf die Lesung lauschen – und vielleicht schon dabei oder gegen Ende mit den Gedanken abschweifen, weil ein Wort oder ein Gefühl sie besonders angesprochen hat? Mir ging es mal wieder so, zu meinem Leidwesen, mir fielen dann wichtige Dinge ein, die bald erledigt sein müssen. Und plötzlich kam der Antwortgesang auf die Lesung und ich konnte mich an die Worte der Lesung nicht mehr erinnern. Ich habe mich dann entschieden, in mein aufgeschlagenes Gotteslob (das angezeigte Lied kannte ich auswendig) das Smartphone zu legen und die Internetseite des „Schott-Messbuches“ zu öffnen. Die hatte ich mir schon auf die Startseite gelegt, ich musste nur einmal drauftippen. Schon wurden alle von der normalen liturgischen Lese-Ordnung festgelegten Texte angezeigt und ich konnte die Worte der Lesung nochmals aufnehmen. Dabei natürlich bewusst den Antwortgesang singend. Ich meine sogar, das geschafft zu haben (Die Angaben der normalen Texte stehen übrigens auch in jedem Gotteslob im Anhang ab Nummer 880).


Wenn ich gehört habe, dass mancherorts Christen mit dem Messbuch in der Bank sitzen habe ich mich gewundert. Scheinbar war das seinerzeit wohl zumindest zum Teil auch so, weil sie sicher gehen wollten, dass in der Messe auch alles richtig ist. Manchmal gab es da sogar Beschwerden. Aber was heißt schon „richtig“? Reicht ein vermeintlich juristischer Wahrheitsbegriff (auf Latein: „rite et recte“) zur Bewertung, dass ein Gottesdienst richtig gestaltet wird? Dass er zum Segen für die Mitfeiernden und die Welt wird? Dass er unsere Lebenswelt berührt und bewegt? Sind Gewohnheiten und Traditionen auch Heilsgewissheiten? Ein Gespräch bei einem Krankenbesuch hat mich darüber nachdenken lassen.


Empfinden Sie Veränderungen der Zeit als bedrohlich? Die Kirche hat sich in ihrer 2000jährigen Geschichte schon oft darüber Gedanken machen müssen. Wir gedenken in diesem Jahr auch an 500 Jahre Geschichte der Kirche mit Martin Luther. Von ziemlich großer Bedeutung dabei war eine für damalige Verhältnisse umwälzende kulturelle Weiterentwicklung: der Buchdruck. Heute haben viele Menschen einen symbiotischen Umgang mit ihrem Smartphone. Das wird von vielen als furchtbare Kulturdegeneration empfunden und vielschichtig abgelehnt. Oft scheint mir die Kritik aber zu flach und nur teilweise berechtigt – aber gerne können wir darüber diskutieren.


Ein junger Pfarrer wurde vor noch nicht mal zehn Jahren aus der Kathedrale verwiesen, weil er ein Smartphone in der Kirchenbank nutzte. Es war den Anklagenden egal, dass er auf seinem  Smartphone eine Bibel-App nutzte und eine geistliche Lesung hielt. Diese App wurde seit ihrer Erfindung rund 260 Millionen Mal installiert. Die Benutzer haben 235 Milliarden Minuten mit ihr verbracht.

So oder so – wieviele Minuten möchten Sie in dieser Fastenzeit mit dem Lesen von Gottes Wort in der Bibel, ob in Papierform oder auf einem Bildschirmdisplay, verbringen?

Mittwoch, 15. März 2017

Darf’s etwas mehr sein? XXL in der Seelsorge ...

Etwas spät, aber nun dennoch kurz vor dem nächsten Heft nun endlich auch hier der Beitrag aus fünfachtel 3/2016:

Zwei Impulse führen zu diesem kleinen Gedankengang:
Erstens ein noch ziemlich aktuelles Buch mit dem provokanten Titel: „XXL Pfarrei. Monster oder Werk des Heiligen Geistes?“ Ein Pfarrer und sein ehren- und hauptamtliches Team berichten von den guten und schwierigen Erfahrungen beim Aufbruch in die Zukunft. Gegen schnelle Vorurteile setzen sie echte Beteiligung und konkrete Handlungsoptionen. Ungeschönt und lesenswert.

Zweitens der ältere vorgebliche „Dokumentar“-film „Supersize me“, der die Eigenart der Fastfood-Kultur in den USA karikiert. Der Hauptdarsteller will die schlimmen gesundheitlichen Folgen zeigen, die sich durch tägliche ausschließliche Ernährung in solchen Restaurants und durch mangelnde Bewegung ergeben. Heute kann man aber auch vielfältige Kritik dazu lesen. Der Mangel an Bewegung ist bleibend das wohl Entscheidende.


An und für sich klingt die Überschrift hier ja zunächst harmlos. Sie erinnert mich an gemütliche Einkaufserfahrungen an der Metzgereitheke. Im Supermarkt sprechen große Portionen immer an, preiswert einzukaufen ist heute vielen vielleicht wichtiger als der kritische Blick auf Qualität. Ich glaube, dass „XXL“ nicht nur beängstigende Assoziationen hervorrufen muss. Aber man sollte genau hinschauen. Wenn wir aber in Bezug auf unsere Gemeinden die Erfahrungen oder die Gefühle zu immer größeren Einheiten ansprechen, dann wird schnell von Angst, Verlust, Niedergang, Vorwürfen
und Schuldigen zu hören sein. Sündenböcke waren ja auch schon in biblischer Zeit notwendig.


Ist denn ein Blick in die Weite immer nur schlecht? Das vorschnelle Aburteilen von sogenannten Strukturreformen entlastet ja auch von dem ehrlichen Blick in die Realität und vor allem auf den Auftrag, der uns als Christen gestellt ist. Immer stehen Menschen in der Gefahr, die eigenen guten Erfahrungen und Bilder der Vergangenheit, die über viele Jahre vielleicht auch die richtigen damaligen Antworten waren, für absolut zu setzen. Alles Neue ist dann automatisch schlecht.


Ich persönlich möchte mich lieber immer wieder entscheiden, auch die Chancen zu sehen. Und mich den Realitäten zu stellen. Keine Frage: immer wird persönlicher Kontakt von Mensch zu Mensch, von Christ zu Christ und auch Nichtchrist, vom durch Jesus Christus motivierten Helfenden zu dem, der oder die in einer Situation Unterstützung oder Zuwendung braucht, das entscheidende Merkmal
einer christlichen Gemeinde sein. Die Projektion auf eine idealisierte Seelsorgerfigur alleine und
eine gefühlte Nähe durch die Erfüllung unterschiedlichster Erwartungen führt nicht in die Zukunft. Und das nicht, weil es diese idealisierten Seelsorger rein rechnerisch immer weniger geben wird. In blühenden Gemeinden an anderen Orten der Erde gab es aus dieser Perspektive heraus noch nie so viele davon, wie es sein müssten.

Es müssen Gemeinschaften von Menschen sein, die Gott einen Platz in ihrem Leben geben, die sich von ihm leiten lassen. Es gibt vielleicht in größeren Zusammenhängen und beim Blick über den örtlichen Tellerrand auch die Chancen, dass sich in neuer Weise Gruppen finden und Dinge entstehen können, die heute nötig sind und die unseren heutigen gesellschaftlichen Realitäten eine Antwort aus dem Glauben anbieten. Im Evangelium finde ich nichts davon, dass das nur in kuscheligen und von der Außenwelt in gewisser Weise abgeschotteten Pfarrfamilien geschehen muss. Im Gegenteil: Jesus sendet. Uns alle.


So hören wir das übrigens auch am Ende jedes Sonntagsgottesdienstes: „Gehet hin in Frieden“, denn ihr seid gesendet.
Gott sei Dank.

Donnerstag, 30. Juni 2016

Verwilderte Gemeinde ... (?)

Sind Sie katholisch? Oder katholisch und geistlich … „genug“? Oder möchten Sie einfach nur dabei sein und einen Kaffee in der Gemeinde trinken?
Foto: Annamartha, pixelio

Ich kenne solche Fragen auf verschiedenen Ebenen. Meine Eltern haben sich damit beschäftigt, als ich ihnen meinen Berufswunsch nannte. Ich war „gut katholisch“ sozialisiert, aber sie hatten das Gefühl, dass ich zu kritisch und zu wenig gehorsam sein könnte, um in der Kirche arbeiten zu dürfen. Später haben mich im Studium diese Fragen beschäftigt. Und dann auf den letzten Prüfungshöhepunkt hin wurden diese Fragen sehr konkret bearbeitet. Vor dem persönlichen Gespräch mit dem Erzbischof von Köln war ein Fragebogen zu Messbesuch, Heiligenverehrung und (Marien-)Frömmigkeit auszufüllen. Alle theologischen Prüfungen im Diplomstudium an der Universität waren gegen dieses Gespräch berechenbarer.
Doch der für mich wichtigste Satz in diesem „Skrutinium“ (Prüfung und Stärkung) war keine Frage des äußerlich messbaren Katholischseins, sondern schlicht über meine erste Pflicht: ein guter, christlicher Familienvater zu sein. Keine Details über die Frequenz von Gebeten, Bibellesung oder Katechismusunterricht zuhause spielten eine Rolle, sondern eben nur die Tatsache, einfach christlich zu sein. Schlicht zu handeln und die Liebe sprechen zu lassen. Papst Benedikt XVI. schrieb in „Deus Caritas est“: „Der Christ weiß, wann es Zeit ist, von Gott zu reden, und wann …, von ihm zu schweigen und nur einfach die Liebe reden zu lassen.“ Wenn ich mir das so über die Jahre anschaue, dann ist das die größte Herausforderung. Bestimmt nicht nur für mich, sondern für jede und jeden, der seinen Kindern den Weg in eine gute Zukunft bereiten möchte. Täglich abwägend und zerrissen fühlend zwischen Pflichten in Familie und Herausforderungen im Beruf. Ganz zu schweigen von dem, was ich mir selbst wünsche für ein zufriedenes Leben. Und nicht nur im Familienleben, sondern in vielen Begegnungen, Gruppen, Verantwortungen, Teams, Vereinen…

Und doch werden die „strengen“, einfachen Fragen gerne gestellt. Wenn ein Bischof einen Kindergarten besucht, möchte er von den Elternvertreterinnen wissen, warum das Kind in einer katholischen Einrichtung angemeldet wurde. Reicht es nicht zu sagen, dass man den Erzieherinnen vertraue, dass man selbst schon in der Kita gewesen sei, dass man einfach dazugehören wolle? Ich verstehe den Wunsch mancher Verantwortlichen nicht, in solchen Kurzsituationen katechismusgemäße, pressewirksame Statements von Eltern hören zu wollen, die einfach nur katholisch sind. Oder interessiert. Und dann aufgrund dieses „potemkinschen“ (Gouverneur Potjomkin soll der Zarin angeblich nur schöne Fassaden bemalt und gezeigt haben) Indikators bewerten zu wollen, ob es sinnvoll sei, weiter die Trägerschaft durch die katholische Kirche zu erhalten. Oder ob denn eine Jugendfreizeit katholisch genug sei, wenn doch gar nicht genug oder überhaupt nicht gebetet wurde. Und auch kein Bibelgespräch stattfand. Manche Bischöfe scheinen dann – aus dem Kontext gerissen – Gemeinden für verwildert zu halten, wenn einfach nur Kaffee getrunken würde. Das könnten ja auch andere Organisationen leisten.

Aber muss denn immer alles gleich Bildungsarbeit oder gehaltvolles Bibelstudium sein? Kann es nicht eine Vielfalt und Unterschiedlichkeit geben, in der sich viele heimisch und wohl fühlen können? Männer wollen keinen Stuhlkreis, sagt der aktuelle Militärbischof. Gerade am Anfang meiner beruflichen Tätigkeit habe ich mich selbst häufig unter diesem Druck gesehen, dass überall auch genügend gebetet würde und es „geistlich“ genug zugehe – was auch immer das wirklich heißen soll. Es ist auch nicht so einfach und einseitig zu beantworten. Natürlich soll es Wochenenden oder Abende für Glaubensgespräche geben, aber es darf auch andere Veranstaltungen geben, die einfach nur Freizeit sein dürfen. Und trotzdem sind die katholisch. Und wertvoll.

Samstag, 19. März 2016

Was gesagt werden muss ...

Facebookgruppen, die einfach Nein sagen,
emails, die mit Höllenstrafen drohen,
Postings, die Angst und Hetze und Zerrbilder verbreiten ...
und das Ganze anscheind auch noch mit vorgeblich hehren Motiven zur Rettung des sogenannten christlichen Abendlandes - wissen die Betreffenden eigentlich, was christliche Werte sind?

Es ist wohl höchste Zeit für eine Stellungnahme der Kirche, auch in Katholisch Sankt Augustin.
Pfarrgemeinderat und Seelsorger schreiben:

... Wir sehen auch die großen und nicht leicht zu lösenden Aufgaben, die sich uns stellen. Die Leitsätze des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge der Deutschen Bischofskonferenz, die wir in der Anlage beifügen, geben für das Handeln gute Anregungen: „Gemeinsam mit Papst Franziskus setzt sich die katholische Kirche in Deutschland für eine lebendige „Kultur der Aufnahme und der Solidarität“ ein. Dabei sind wir uns bewusst, dass auch in unserer eigenen Kirche nicht alle das Engagement für Flüchtlinge und Migranten vorbehaltlos unterstützen. Gelegentlich gibt es sogar offenen Wider-spruch. Deshalb brauchen wir ein innerkirchliches Gespräch, das Ängste und Befürchtungen aufgreift und überwinden hilft.“ Zu diesem Gespräch wollen wir in unseren Gemeinden einladen.

Donnerstag, 11. Februar 2016

Chance oder Mainstream?

Sich gegenüber stehen grundsätzliche oder gar fundamentalistische Meinungen:

Sollen wir als Kirche die reine Lehre im heiligen Raum verkünden, sammeln im überschaubaren Raum, vertraute Angebote von bekannten Gesichtern gestalten für die passenden Menschen
oder
sollen wir den Aufbruch in Ungewisses wagen, uns einlassen auf und mit weltlichem Raum, Neues und Unbekanntes wachsen lassen und entwickeln, dabei offen sein für viele, für genau die, die dort sein werden, auch für ganz andere als die gewohnten Milieus?

Trauen wir uns mit unserem Profil und unserer Botschaft auf den Marktplatz, wie es seinerzeit Paulus getan hat? (Apostelgeschichte 17, 22.23.27.28)

Welcher Meinung schließen sie sich an? Ich frage mich wie andere auch für unsere Gemeinden: Welche Not sehen wir, welche Aufgabe steht an, ist die unsere, verlangen die Zeichen der Zeit von uns? Welche Chancen bieten sich uns (theologisch sagt man: Kairos, der richtige Augenblick für die richtige Handlung, Gott gegeben), wo weht der Geist Gottes, den wir nicht immer oder noch nicht verstehen? Was entwickelt sich in diesem glänzenden und lichtdurchfluteten neuen Haus in der Mitte unserer Stadt, von dessen Dach aus man nun sogar den Kölner Dom sehen kann?

Was für einen weiten Blick man doch gewinnen kann, wenn man sich an neue Orte wagt. Wenn wir dorthin schauen und vor dort aus wieder auf uns schauen, können wir viel lernen. Alles dort ist neu und unter voller Beanspruchung: Massen von Schülerinnen und Schülern, Passanten, Aktionen, Nutzer des für uns hier vor Ort noch ungewohnten und für viele sehr wertvollen WLans (freies Internet für Mobiltelefone). Daneben findet der Abbruch eines altgedienten Gebäudes statt, noch Unbekanntes ist nur angedeutet, Auswirkungen sind nur zu erahnen - gilt das nicht für vieles genauso, was aufmerksame Beobachter unserer internen kirchlichen Wirklichkeit wahrnehmen? Ist es nicht gut, die allzu gewohnten Wege zu überdenken? „Kirche, die über den Jordan geht“ lautet der Titel eines anregenden Buches der letzten Jahre – das bedeutet nicht Niedergang, sondern Kundschafter in unbekanntes Land zu senden. Das Erzbistum Köln hat das Schlagwort „Neue Wege in Pastoral“ ins Spiel gebracht – für manche Gewohnheit könnte die Realität der nahen Zukunft mehr Schlag als Ratschlag sein.

Es trotzdem zu wagen und zu investieren, sich etwas entwickeln zu lassen tut Not, auch wenn es vielleicht nur ein Versuch ist, ein Experiment - nicht jeder Bauplan wird zu einem Dom, der die Jahrhunderte und bewegte Zeiten, ja sogar Kriege überdauert. Aber für die Zeit genau heute, für die Sorgen und Wege der Menschen genau heute sollten wir uns trauen – wir sind als Kirche „für die Menschen bestellt“, wie Kardinal Frings es auf sein Wappen geschrieben hatte. Einige sind schon bereit es zu wagen und ihr Herz und ihre Zeit einzusetzen - begleiten sie es mit Gebet und Kraft und Nachfrage und Neugier und Einsatz und Hilfe und mit Dingen und Gedanken, die möglicherweise noch niemand kennt - mit Gottes Segen, wie wir auch gebeten wurden ihn über das neu eröffnete Haus zu sprechen, wird es gelingen. Frei nach Augustinus: eine Stadt und auch eine Kirchen- oder Pfarrgemeinde besteht nicht aus Mauern und Strukturen, sondern aus den Menschen.

Sonntag, 29. November 2015

Hände oder Fäuste – virtuell und IRL

Das Thema „Flüchtlinge“ beschäftigt uns in Sankt Augustin in unterschiedlicher Intensität und je nach persönlichem Blick schon lange. Vor einem Jahr wurde in dieser Rubrik über die „filter bubble“ berichtet. Damals wurden gerade die ersten Container in Sankt Augustin bezogen
Inzwischen gibt es in mehreren Ortsteilen größere Unterkünfte für unsere Neuen Nachbarn. In den wenigen Wochen haben sich erstaunliche Aktionen und Engagements entwickelt. Hierzu zählen ein über Facebook organisiertes Begegnungsfest, das der Polizei im Vorfeld sogar Sorgen bereitete, eine Menge von Helfern, die miteinander und nebeneinander einfach das tun, was nötig ist und eine Unmenge an Sachspenden, die aber gar nicht so einfach sinnvoll weiterzugeben sind. Es gehören aber auch Schwierigkeiten dazu, etwa der Versuch einer guten Zusammenarbeit, wo man vorher nicht viel miteinander zu tun hatte. Kompetenzfragen sind auch nicht immer leicht zu klären. Es gibt vieles mehr, das sich im Internet und Social Media widerspiegelt – oder auch andersherum?
 

Wenn man im September in eine Suchmaschine die Stichworte „Sankt“ „Augustin“ „Flüchtling“ eingegeben hat, gab es kaum einen Treffer zu einer Seite, die etwas über unsere Stadt erzählte. In der Facebook-Gruppe „Du kommst aus Sankt Augustin wenn…“ sah das schon anders aus. Knapp drei Wochen nach dem Bezug einer neuen Unterkunft haben sich hier dutzende von Mitbürgern zusammengetan. Aber in dieser Gruppe wurden auch immer wieder besorgte oder sogar fremdenfeindliche Stimmen laut, die die Moderatoren zur Aktivität zwangen. Anfang Oktober startete dann auf Initiative der Kirchen eine Homepage, die Helfer und Hilfsangebote vernetzen soll. Die erstaunlich hohen Zugriffszahlen dokumentieren den Bedarf und die Nachfrage. Und auch auf der Website der Stadt Sankt Augustin gibt es seit neuestem Übersichten und Informationen. Das Internet kann ein gutes Instrument sein, um Menschen und Kräfte zusammenzubringen. Aber es gibt auch ganz anderen Kräften Raum. Fremdenfeindliche oder heimatverbundene Plakate und Videos wirken vor tausenden Zuschauern und lösen heftige Diskussionen aus. In diesen Medien sind dann alle gefragt, aufmerksam zu sein, das Richtige zu tun, Unmögliches nicht unkommentiert zu lassen und nicht unbedacht zuzustimmen. Es müssen gute Nachrichten geschrieben und verbreitet werden. Besonders die, die einer frohen Botschaft folgen, sind hierzu aufgerufen.
Christliche Medienkompetenz und Medienengagement tut Not.

Samstag, 14. November 2015

Sich an die eigene Nase fassen

Bild aus dem Haus Völker und Kulturen, Sankt Augustin (B. Bungarten)


Auch aus Afrika drängen immer mehr Flüchtlinge übers Mittelmeer nach Europa. Mit Entwicklungshilfe versuchen wir gegenzusteuern. Warum das aussichtslos ist.

Über 800.000 Menschen werden dieses Jahr laut Innenminister Thomas de Maizière zu uns kommen. Das überrascht viele. Wir sollten uns jedoch fragen, warum diese Menschen zu uns kommen.

Mal einen anderen Blickwinkel versuchen

Die Projektwoche bietet Anlass, einmal die afrikanische Maske aufzusetzen und zu versuchen, das Problem aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten.
Die afrikanischen Flüchtlinge kommen meistens aus einem von zwei Gründen: Krieg oder Armut. In der Bundesrepublik wird nur der erste als Asylgrund anerkannt. Menschen, die wegen ihrer Armut fliehen, werden als „Wirtschaftsflüchtlinge“ abgeschoben. Hier verweisen die Politiker dann immer darauf, man würde ja die Fluchtursachen bekämpfen. Doch was ist die Fluchtursache? Die Antwort: Wir.
Nicht nur, dass die europäischen Staaten als Kolonialmächte die einseitige Wirtschaftsausrichtung der afrikanischen Länder verursacht haben, die nun zunehmend darunter leiden. Nein, die Europäische Union überschwemmt auch noch die lokalen Märkte mit hochsubventionierten, eigenen Produkten, die für lokal produzierte Waren eine vernichtende Konkurrenz darstellen. Damit verlieren die Bäuer*innen ihre Lebensgrundlage.

Europa nimmt Bäuer*innen die Lebensgrundlage

Ein gutes Beispiel dafür sind Geflügelabfälle. Auf dem deutschen Markt verbleibt nur die Hühnerbrust, alles andere wandert auf den anderen Kontinent. Die Abfälle sind dort so billig, dass z.B. in Ghana neun von zehn Hühnerfarmen schließen mussten.
Wenn die ghanaischen Landwirt*innen von europäischen Produkten in die Knie gezwungen wurden, haben sie im Prinzip drei Optionen: völlige Armut, Flucht nach Europa oder Piraterie. Was ist uns lieber?
Aufgrund der zunehmenden Verarmung der afrikanischen Staaten, sind sie gezwungen, sich Geld bei der EU und dem IWF zu leihen. Eine der Bedingungen dafür: Das Abschließen eines Freihandelsabkommens mit den europäischen Staaten.. Diese untersagen es den Ländern, ihre Wirtschaft durch höhere Einfuhrzölle zu schützen. Damit haben die subventionierten Produkte der EU leichtes Spiel, die Zerstörung der afrikanischen Märkte wird weiter forciert.
Auch bei den Fischern ist es kaum anders: Europäische Fischtrawler, riesige, schwimmende Fischfangfabriken, leeren die Meere vor der afrikanischen Westküste. Was die arbeitslosen, lokalen Fischer dann machen, kann man in Somalia beobachten: Piraterie feiert Hochkonjunktur.

Europa macht Afrika arm

Diese Beispiele zeigen: Für unsere Wirtschaft nehmen wir die Armut Afrikas in Kauf. Entwicklungshilfe ist wichtig und richtig, bleibt aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, solange sich nichts an der Exportpolitik der EU ändert.
Wenn wir nun die Maske absetzen, sollten wir in Erinnerung behalten, was uns der Blick aus der afrikanischen Perspektive gelehrt hat: Bevor wir uns über Flüchtlinge beschweren oder unsere Entwicklungshilfe bejubeln, sollten wir uns erst darum kümmern, unsere Zerstörung der afrikanischen Märkte abzustellen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich für die Dokumentationszeitschrift „afri:doku“ zur Projektwoche des Albert-Einstein-Gymnasiums 2015 verfasst. Leider ist er in dieser Zeitung nicht mehr zu finden. Albert Wenzel

Mittwoch, 11. November 2015

Wir dürfen es nicht zulassen ...

Gedanken von Kollege Patrick Bauer, die er bei facebook geteilt hat und die mich bewegen:

Ich weiß, dass im Moment viele sich dazu äußern und ich mit meinem Kommentar nicht all zu viele erreiche. Dennoch ein paar Gedanken, die mir durch den Kopf gehen.

Es ist Traurigkeit, die mich erfasst hat. Ich sehe jede Woche Menschen sterben und erlebe, wie Welten zusammenbrechen, weil Krankheiten Lebensentwürfe und die Zukunft von Menschen zerstören. Dann gelingt es mir Trost zu spenden und die Gefühle nicht zu nah an mich ran zu lassen. Ich habe Menschen begleitet, die gesehen haben, wie ein anderer in den Tod gesprungen ist.
Ich habe Müttern die ihr totgeborenes Kind in den Armen hielten, beigestanden und mit ihnen gesprochen und gebetet.
Nichts von all dem habe ich mit nach Hause genommen. Ich kann diese Dinge meinem Gott übergeben und in seine Hände legen.


In den letzten Tagen gelingt mir das nicht mehr. An zwei Tagen hintereinander habe mir Männer, die als Jugendliche den zweiten Weltkrieg erlebt haben, mit mir gesprochen. Beide haben mit Gewehren im Schützengraben gelegen und waren in Gefangenschaft, einer acht Jahre in Rußland. Er sagte mir folgendes:
"Ich habe so viel Scheiße erlebt, und habe wieder ins Leben zurüchgefunden. Meine Frau wurde auf der Flucht vergewaltigt und ich war bei ihr, wenn sie nachts im Schlaf geschrien hat und sie war bei mir, wenn ich meine Tasse nicht mehr halten konnte, weil meine Hände so gezittert haben. Ich bin so froh, dass ich trotzdem sagen kann, ich danke Gott für mein Leben. Wenn ich heute die Reaktionen in unserem Land auf Flüchtlinge sehe und den Fremdenhass erlebe, dann..." er wurde von Weinkrämpfen geschüttelt und ich konnte nur seine Hand halten. Einer der wenigen Momente in denen auch meine Tränen nicht zurückhalten konnte.
Der andere mann sagte zu mir: "Ich verstehe das nicht." Die ersten Tränen flossen... "Wieso machen die so was." Heftiges Schluchzen... "Das darf doch nicht noch mal passieren." erblickt mir tief in die Augen. Ich sehe die nassen Wangen und das ernste Gesicht. "niemals wieder, verstehen sie?" Ich fühle wie meine Hand ganz fest gedrückt wird.


Heute dann eine Frau. Sie ist zu Fuß gegangen, mit dem Boot gefahren, zu Fuß weitergegangen, ist in einen Zug gestiegen und wieder zu Fuß gegangen. Eine Schwester erzählt mir, dass diese Frau ihr gesagt hat, lieber hier in einem Flüchtlingsheim, als zurück in ihre Heimat. Diese Frau ist 105 Jahre alt!


Liebe Freunde, wir dürfen es nicht zulassen, neimals, dass Menschen die vor Krieg und Gewalt flüchten Angst haben müssen, wenn sie unser Land kommen. Ich will nicht, dass dieses Land ein Land des Hasses ist. Lasst Euch nicht verführen von plumpen Sprüchen brauner Ideologen.
Ich bin traurig, aber ich habe die Hoffnung, dass wir das schaffen.
Patrick Bauer

Donnerstag, 10. September 2015

Erwartungen und Anfragen

Wann funktioniert eine Gemeinschaft?
Was braucht es, damit Aufgaben erkannt und bewältigt werden?
Wie geht es dann weiter? Und was kann ich dabei tun?
Anfragen an selbstverständliche Erwartungen …



Ein bibelfester Christ (egal ob evangelisch, katholisch oder anderer Konfession) würde sagen:
wenn wir das tun, was in der Heiligen Schrift steht.
Aber das hilft nicht immer, wenn es um moderne Technik oder neue Herausforderungen
geht – was die Menschenwürde und entsprechenden Umgang miteinander angeht
allerdings schon. Das Buch Ruth erzählt eine faszinierende Flüchtlingsgeschichte, die in
den Herbstferien in Ökumenischen Kinderbibeltagen erlebbar werden soll.

Ein Verwaltungsfachmann (ob bei Stadt, Kreis oder Land) würde sagen:
wenn alle Planstellen besetzt sind und die Einnahmenprognose positiv ist (damit mehr Planstellen geschaffen werden können). Darauf kann sich aber langfristig niemand verlassen; in unseren Gemeinden sieht manches noch sehr positiv aus, so dass man sich dem notwendigen (und übrigens im Glaubensgut durchaus verankerten) Wandel nicht
stellen möchte. „Es geht doch noch. Es ginge besser, wenn die anderen… Die anderen müssten nur…“ Und wie die Sätze alle heißen mögen, die einem dabei so begegnen. Es werden immer weniger Engagierte, die ihre Freizeit mit den klassischen Aufgaben füllen
wollen, und es werden immer weniger, die sogar ein Studium und ihre Berufswahl und Berufung dafür einsetzen wollen. Und trotzdem muss das keinen notwendig sorgenvollen Blick in die Zukunft nach sich ziehen. Es wird nicht alles schlecht, sondern anders.

Ein heimatverbundener Traditionalist (ich wage gar nicht bestimmte Vereine oder Gruppen aufzuzählen, außerdem funktioniert diese Einstellung auch ohne) würde sagen:
wenn wir alles so tun, wie wir es immer schon getan haben. Aber die Vogel-Strauß-Taktik mit dem Kopf in den Sand ohne Rückbesinnung auf die Gründe für althergebrachte Handlungsweisen und einen offenen, aufmerksamen Blick auf die Realität und die Mitmenschen verspricht nicht eine Erfolgsstrategie zu werden. Und so vieles wird heute einfach nicht mehr verstanden. Ein beredtes Beispiel dafür ist der Anruf einer Anwohnerin bei der Polizei, dokumentiert in einer großen Zeitung vor kurzem, die eine Gruppe von Menschen durch die Straßen ziehend beunruhigt meldete, weil sie seltsame Sätze hörte
wie „… guter Hirte“ und „jetzt und in der Stunde unseres Todes“. Aber es waren gar keine Fundamentalisten,sondern wohl eine schlichte Fronleichnamsprozession.

Ein Personal-Trainer oder Coach (der einen professionell im Selbstmanagement topfit machen soll) würde sagen:

wenn jeder seine beste Leistung bringt und das ganze gut gesteuert wird. Aber nicht alle sind motiviert, nicht alle können sich immer weiter verbessern in ihrer Leistung. Und manchmal fragt man sich ob Team (Leiterrunde, Vereinsvorstand oder Arbeitsgemeinschaft,
…) nicht häufig auf Deutsch übersetzt heißt: „Toll, ein anderer machts“. Gut und Mut machend, wenn man auch von Anderem hören, lesen oder es sogar erfahren kann. Auf der
Seite www.kundschafternetzwerk.de wird von einer für uns sehr ungewohnten Gemeinde berichtet – dort wird aus Team wiederum im Englischen „Together Everyone Achieves More“.

Bei allen tiefen Gräben zwischen sich abgrenzenden Gruppen und des häufigen Kreisens um die eigene kleine Aufmerksamkeit kann viel erreicht werden – im Kleinen immer noch, im Großen noch viel mehr. Das notwendige Engagement für die Nöte unserer Zeit, in diesen Tagen unbedingt für die vielen Flüchtlinge, kann uns über uns selbst hinaus wachsen lassen. Viele Rückmeldungen und Hilfsangebote machen Mut. Es ist um der Menschen Willen und um Christi Willen nie umsonst, sich einzubringen. Und es wird uns alle weiterbringen. Machen Sie mit und setzen Sie sich ein. Und gestalten Sie auch das Leben
der Kirche neu. So wie Sie es können und wollen, genau richtig mit der Hilfe in bestimmten Initiativen oder sogar in Gremien wie dem Kirchenvorstand, damit dadurch die Arbeit von vielen anderen in den KiTas, den Jugendeinrichtungen und Gruppen, in der  Gemeindecaritas ermöglicht wird …

Sonntag, 3. Mai 2015

Psalm 63

Eine Reihe von schlichten Textposts mit den Worten eines Psalms weisen auf den neuen youtube-channels des Projektes Psalmenmalen hin, das mit dem Projekt Psalmengeflüster verbunden ist ...

Sehnsucht nach Gott

1 [Ein Psalm Davids, als er in der Wüste Juda war.]
2 Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.
3 Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum, um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen.
4 Denn deine Huld ist besser als das Leben; darum preisen dich meine Lippen.
5 Ich will dich rühmen mein Leben lang, in deinem Namen die Hände erheben.
6 Wie an Fett und Mark wird satt meine Seele, mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen.
7 Ich denke an dich auf nächtlichem Lager und sinne über dich nach, wenn ich wache.
8 Ja, du wurdest meine Hilfe; jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel.
9 Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich fest.
10 Viele trachten mir ohne Grund nach dem Leben, aber sie müssen hinabfahren in die Tiefen der Erde.1
11 Man gibt sie der Gewalt des Schwertes preis, sie werden eine Beute der Schakale.
12 Der König aber freue sich an Gott. Wer bei ihm schwört, darf sich rühmen. Doch allen Lügnern wird der Mund verschlossen.